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Leben auf der Insel und andere Eigenheiten Juli 23, 2009

Posted by amyrovig in Live & in Farbe.
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Also wenn es um Ausländer geht, dann kommt früher oder später auch die Frage der Integration auf. Bei diesem Thema haben sich schon so manche Gemüter geschieden und das liegt wohl auch daran, dass jeder dazu eine Meinung hat, aber diese selten identisch mit der des Anderen ist. Integration macht Austausch möglich, ist aber keine Einbahnstrasse. Wirklich Sinn macht es nur, wenn dem von andere Seite Toleranz entgegen gesetzt wird. Die “richtige” Mischung wird derweil täglich aufs Neue verhandelt und aus der Geschichte wissen wir, dass dabei nicht immer die richtigen Maßeinheiten gewählt wurden.

In unserer WG leben vier Nationen unter einem Dach: Zwei Briten, zwei Deutsche, eine Polin und ein Russe. Ich würde sagen, wir sind alle ziemlich gut integriert: Wir essen Sonntagsbraten, trinken viel und stellen uns immer fleißig an. Ich scherze natürlich. Ich esse fast nie Sonntagsbraten …

Das Tolle an so einer WG ist, dass sich immer wieder Möglichkeiten bieten, die jeweiligen (meist positiven) Erfahrungen mit diesem Land und seinen Leuten auszutauschen. Wirklich lustig wird es, wenn sich dabei herausstellt, dass alle ähnliche Eigenheiten beobachtet haben, die rundherum wohlwollendes Schmunzeln auslösen.

Das der Verkehr hier auf der linken Seite vorwärts fließt, wissen ja die meisten. Aber da ist zum Beispiel die klassische Badezimmerbeleuchtung, die hier traditionell nicht per Schalter sondern mit einer Schnur bedient wird. Da hängt dann am Eingang so eine Leine runter, an der man ziehen muss. Das kam mir anfangs etwas mittelalterlich vor, aber mittlerweile greife ich auch instinktiv in die Luft, wenn ich im Dunkeln das Bad betrete.

Klassisch sind auch die zwei Wasserhähne, aus denen jeweils kaltes und sehr heißes Wasser fließt. Den Sinn dessen habe ich immer noch nicht ergründet, aber deren Vorhandensein mag an dem allgemeinen Alter der Häuser liegen, die einfach noch nicht den Sprung in die Neuzeit geschafft haben. Das ist wahrscheinlich auch die Erklärung für die einglasigen Fenster, die hier noch vielfach anzutreffen sind. Die alten schlecht isolierten Doppelfenster kenne ich ja noch aus meiner Kindheit, aber eine einzige Scheibe als durchsichtige Trennwand zur Außenwelt erscheint mir nachwievor ein Nachteil (gar nicht zu sprechen von der kolossalen Energieverschwendung).

Weit gedacht widerum sind die Schalter an den eigentlichen Steckdosen, mit Hilfe derer der Stromfluß vollends unterbrochen werden kann. Das ist hier Standard, auch in den alten Häusern. Auch gut sind die Stecker mit drei Kontakten, deren dritter wohl dazu dient, dass der Benutzer nicht durch statische Aufladung verletzt wird. Schade dabei ist, das man diese immer nur auf eine Weise in die Steckdose stecken kann. Das führt manchmal dazu, dass große Netzteile die gegenüberliegende Steckdose in einer Mehrfachverbindung verdecken und damit unbrauchbar machen.

Ganz schockierend aber ist die Angewohnheit, Teppich im Bad zu verlegen. Mich schüttelt es schon, wenn ich nur daran denke. Das geht vielen Briten übrigends genauso. Ich hatte einmal so richtig rustikale Dielen in meinem Bad; das war schon besser als flächenmäßig verlegter Flausch, aber immernoch irgendwie unhygenisch.

Wenn es jedoch eine Angewohnheit gibt, die ich den Briten hoch anrechne, dann ist es das ordentliche Anstellen. Da sind die Deutschen ganz furchtbar finde ich. Die Grabenkämpfe, die da tagtäglich an den frisch besetzten Kassen der Supermärkte ausgetragen werden, fand ich schon immer unangenehm. Spätestens jedoch seit ich hier lebe und sich mir nicht jedes Mal die Nackenhaare kräuseln, während ich vor den auf die neue Kasse zustürmenden Horden hinter das Obstregal hechte, finde ich es furchtbar, dieses Spektakel miterleben zu müssen. Das Bizarre dabei ist, das die in der Mitte der Schlange immer die Agressivsten sind. Die ganzen hinten versuchen es manchmal gar nicht erst, weil der Anlauf zu lang ist, während die in der Mitte es scheinbar nicht abwarten können, der Person zwei Leute vor ihnen doch noch ein Schnippchen zu schlagen und vor ihnen abkassiert zu werden. Sowas gibt es hier nicht und meine Einkäufe gestalten sich seitdem wunderbar friedfertig.

So lernt man am Ende doch, dass nicht alle Eigenheit seltsam sind, sondern manchmal durchaus ihren Sinn erfüllen. Ohne Zweifel sind wir in Deutschland genauso schräg drauf und ich würde mich gerne einmal mit einem britischen Counterpart zusammensetzen und deren Geschichten und Erfahrungen lauschen. Heimische Eigenheiten sind eben Normalität und deshalb der Maßstab. Wenn man es dann irgendwo anders erlebt, findet man vielleicht einiges schlechter. Manches aber eben auch besser.

–ASR

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